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Sep
02

Der Krieg der Welten

H. G. Wells: Der Krieg der Welten.
Diogenes Verlag AG Zürich, 1974, ISBN 3-257-20171-0

Krieg der Welten

Die Erde wird Ende des 19. Jahrhunderts zum Morgenstern der Hoffnung, als die stetige Abkühlung des Planeten Mars das Überleben der dort lebenden Zivilisation bedroht. Die Marsbewohner schicken deshalb zehn bemannte Raumkapseln zur Kolonisation der Erde auf den Weg.

Die erste Kapsel schlägt bei Woking in England ein. Wenig später beginnen die gelandeten Marsleute eine Art dreibeinigen Roboter zu bauen, da ihnen das Fortbewegen auf der Erde aufgrund der grösseren Gravitation schwer fällt.

Die später eintreffenden Marsmenschen tun es den ersten gleich und bauen ihren Roboter. So werden es immer mehr “Dreibeine”, die mit ihrem mächtigen Hitzestrahlen jeglichen menschlichen Widerstand in Flammen aufgehen lassen. Als den Menschen klar wird, dass es zwecklos ist Widerstand zu leisten, verbreiteten sich rasch Angst und Panik. In Scharen fliehen die Leute nun nach Norden und Süden, vor den Marsleuten, die scheinbar in wahlloser Zerstörungswut ein immer grösseres Gebiet erobern. Zudem ernähren sich die Marsbewohner von menschlichem Blut und sammeln deshalb alle “Nahrung”, die sie bekommen können.

Doch das schreckliche Treiben nimmt eines Morgens ein abruptes Ende. Die Marsleute werden alle dahingerafft von irdischen Bakterien, gegen die der marsianische Organismus offenbar keine Abwehrkräfte bilden konnte.

Interpretation

Der englische Autor Herbert George Wells publizierte sein Werk “Der Krieg der Welten“ zuerst im Jahr 1897 in Fortsetzungen. 1898 erschien es in London erstmals in Buchform unter dem englischen Originaltitel “The War of the Worlds“.

Hierbei erwähnenswert ist sicher die Hörspielfassung des Buches von Orson Wells. Obwohl als Hörspiel angekündigt, löste die Rundfunkfassung, in der die Handlung in Form eines Tatsachenberichts mit Interviews wiedergegeben und der Landeplatz der Marsbewohner nach New Jersey verlegt wird, am 30. Oktober 1938 in New York eine Massenhysterie aus.

H. G. Wells, der neben dem französischen Schriftsteller Jules Verne als Mitbegründer der Science-Fiction gilt, schuf mit seinem Werk “Der Krieg der Welten“ den ersten Roman mit dem Motiv einer interplanetaren Invasion, das zum Vorbild zahlloser Marsmenschen-Märchen und Verfilmungen wurde.

Beim lesen fällt jedoch ein wichtiger Unterschied zwischen Vorbild und Nachahmung auf: Ein Journalist schildert im Nachhinein seine persönlichen Erlebnisse der Invasion in der Ich-Perspektive. Durch diese rückblickende Erzählung erfährt der Leser schon zu Begin des Romans von dem für die Menschheit glücklichen Ende der Invasion. Der Erzähler ist bemüht, trotz aller Ereignisse, die Geschichte möglichst neutral wiederzugeben und erinnert den Leser stets an unser eignes Handeln, wenn Hassgefühle gegenüber den Marsmenschen aufzuschwappen drohen:

(…) Und bevor wir sie zu hart beurteilen, müssen wir uns erinnern, mit welcher schonungslosen und grausamen Vernichtung unsere eigene Gattung nicht nur gegen Tiere wie den verschwunden Bison und den Dodo, sondern gegen unsere eignen inferioren Rassen gewütet hat. (…) Sind wir solche Apostel der Gnade, dass wir uns beklagen dürfen, wenn die Marsleute uns in demselben Geist bekriegen? (…)

So wird auch gleich bei der Bekanntgabe, dass die Marsleute sich von menschlichem Blut ernähren, folgendes angefügt:

(…) Die blosse Vorstellung dieses Vorgangs erscheint uns ohne Zweifel grauenhaft und abstossend, aber wir sollten uns, denke ich, zugleich erinnern, wie widerwärtig unsere fleischfressenden Gewohnheiten einem vernunftbegabten Kaninchen erscheinen würden. (…)

Der Roman “Der Krieg der Welten“ distanziert sich so deutlich, trotz seines immensen Horrorpotentials, von einer einfachen Sensationsgeschichte, in der der Leser ahnungslos über den Ausgang der Geschichte durch die Wogen der Ereignisse braust und sicher nicht im geringsten auf die Idee käme, Gefühle wie Mitleid oder Verständnis für die Fremden zu empfinden.

Dadurch dass der Leser ständig hin und her gerissen wird zwischen der Empörung über die Taten der Marsmenschen und den Ermahnungen des Erzählers, erhält man das Gefühl man lese eine Art exemplarisches Lehrstück, das sagt: Schaut her, so muss es den Völker beim Ankommen der europäischen Schiffe und Soldaten ergangen sein, als ganze Zivilisationen von den Europäern im Namen des Kolonialismus überrannt wurden.

Den Bewohnern erschien wohl das Ankommen der Europäer mit ihren Schiffen und Soldaten so wie uns heute eine Marsinvasion erscheinen würde. Kanonen und Gewehre liessen die Eingeborenen ebenso erschaudern, wie es der Hitzestrahl der Marsleute bei den Engländern tat.

“Der Krieg der Welten” erscheint unter diesem Blickwinkel also als eine Art Demonstration von dem, was Wells Landsleute in der Welt anstellten. Ende des 19. Jahrhunderts herrschte Grossbritannien über ein Viertel der Landfläche und Weltbevölkerung. Die Kritik am Kolonialismus wird zusätzlich durch die Tatsache gesteigert, dass die Marsmenschen aus einer wahren Notlage handelten, die ihre Existenz bedrohte, während die irdische Kolonisation durch Imperialismus und Habgier angetrieben wurde. So kommt schliesslich gegen Ende des Buches auch “die Moral von der Geschichte”:

(…) Wahrlich, wenn wir nichts anderes gelernt haben, dieser Krieg hat uns Erbarmen gelehrt, Erbarmen mit jenen vernunftlosen Geschöpfen, die unter unserer Herrschaft leiden. (…)

Ein weiter interessanter Punkt des Romans, stellt die Beschreibung der Anatomie der Marsmenschen dar:

(…) Sie hatten ungeheure runde Körper – oder besser gesagt Köpfe – von etwa vier Fuss Durchmesser. (…) bei den Marsleuten ist ohne Widerrede solch eine Unterdrückung der animalischen Seite des Organismus durch den Geist zu beobachten. (…)

Die Marsleute bestanden also eigentlich fast nur noch aus einem Kopf. Alle unnötigen Köperteile haben sich im Lauf der Evolution zurückgebildet.

Die Marsmenschen stellen als höherentwickelte Lebensform ein gewisses Idealbild dar, indem man deutlich die philosophische Haltung des 19. Jahrhunderts verwirklicht sieht. Die damaligen Philosophen vertraten die, unter anderem durch René Descartes “Cogito, ergo sum” begründete, Ansicht der völligen Trennung von Körper und Seele. Durch diese Trennung erscheint die Evolution der Marsmenschen logisch. Im Roman wird zugleich erwähnt, dass schon vor dem Besuch der Marsbewohner vermutet wurde, dass auch die menschliche Entwicklung in diese Richtung führt.

Die heutige Philosophie entwickelt sich mehr und mehr von dieser These der völligen Trennung von Köper und Geist weg. Die Philosophen stützen sich dabei auf Erkenntnisse, die besagen, dass sich der menschliche Geist ohne die Interaktion mit seinem Körper wenn überhaupt ganz anders entwickelt hätte.

Das damalige Idealbild der Marsmenschen wird also mehr und mehr in Frage gestellt. Dies zeigt aber auch, dass Wells bemüht war realitätsbezogen zu schreiben, indem er allgemeine wissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse seiner Zeit in den Roman einfliessen liess.

Wenn wir heute die spärliche Handlung von Science-Fiction-Werken und vor allem von deren Verfilmungen beklagen, vermissen vielleicht einfach nur die Selbstkritik, die bei Autoren und Regisseuren immer unbeliebter zu werden scheint.

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