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Sep
02

Fahrenheit 451

Ray Bradbury: Fahrenheit 451 .
Diogenes Verlag AG Zürich, 1981, ISBN 3-257-20862-6

Fahrenheit 451

Es war eine Lust, Feuer zu legen. Es war eine eigene Lust, zu sehen, wie etwas verzehrt wurde, wie es schwarz und zu etwas anderem wurde. Das gelbe Strahlrohr in der Hand, die Mündung dieser mächtigen Schlange, die ihr giftiges Kerosin in die Welt hinaus spie, fühlte er das Blut in seinen Schläfen pochen, und seine Hände waren die eines erstaunlichen Dirigenten, der eine Symphonie des Sengens und Brennens ausführte, um die kärglichen Reste der Kulturgeschichte vollends austilgten. (…)

So empfindet der Feuerwehrmann Guy Montag bei seiner Arbeit, beim verbrennen von Büchern. Die Bekanntschaft mit dem Mädchen Clarisse McClellan lässt ihn jedoch seine Arbeit, seine Ehe, ja sein ganzes Leben hinterfragen. Montag beginnt bei der Arbeit Bücher zu stehlen und sie heimlich zu lesen, obwohl das Besitzen und das Lesen von Büchern vom Staat strengstens verboten ist.

Unkundig im Lesen von Büchern sucht Guy Montag nach einem “Lehrer”, den er in dem ehemaligen Hochschulprofessor Faber findet. Schliesslich verbündet sich Montag mit Faber, um aktiv etwas gegen den vom Staat aufgezwungenen Konformismus zu unternehmen.

Doch ehe er etwas erreichen kann, wird er des Buchbesitzes beschuldigt und dazu gezwungen sein Haus mitsamt den Büchern zu verbrennen. Dabei tötet Montag seinen Vorgesetzten Hauptmann Beatty. Durch die Flucht über den Fluss aufs Land gelingt es ihm, sich dem Einfluss der Polizei zu entziehen. Dort schliesst er sich einer Gruppe Ausgeschlossener an, die es sich zur Aufgabe machten Bücher auswendig zu lernen für eine Zeit, in der sie wieder gedruckt werden können. Währenddessen holt der immer so fern scheinende Krieg die Menschen ein, und Montags Heimatstadt versinkt zusammen mit seiner Vergangenheit im grellen Lichtblitz einer Atombombe.

Interpretation

Die 1953 erstmals erschiene Anti-Utopie “Fahrenheit 451″ von Ray Bradbury ist, wie in der zu Beginn genannten Textstelle leicht zu erkennen ist, in einer sehr bildhaften metaphorischen Sprache geschrieben, die viele Einzelheiten schildert. Einerseits ist dieser Stil nicht ganz leicht zu lesen. Andererseits können aber durch ihn komplexere Sachverhalte durch Vergleiche und Metaphern besser verdeutlicht werden, wodurch auch gewisse Wertungen des Autors zum Ausdruck kommen können. An besonders interessanten Stellen wird die Spannung durch enorme Zeitverlängerung gesteigert. Der unbekannte Erzähler schreibt auf Guy Montag bezogen im Präteritum und weiss nur das, was auch Montag bekannt ist.

Ziemlich genau zwanzig Jahre vor dem Erscheinen dieses Buches, am 10. Mai 1933 inszenierten die Nationalsozialisten auf dem Berliner Opernplatz beginnend eine landesweite Bücherverbrennung von Werken, die nicht der nationalsozialistischen Ideologie entsprachen. Im Spätsommer 1945 haben wir das Bild von Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki. Die Tatsache, dass der Roman nur wenige Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges entstanden ist, erscheint durch die Anspielungen auf die beiden erwähnten geschichtlichen Ereignisse ganz offensichtlich.

Wo liegen nun aber die Parallelitäten und die Unterschiede zwischen Guy Montags Welt und dem Dritten Reich? Als Einstieg bietet sich ein Ausschnitt aus einem Gespräch zwischen Montag und seinem Vorgesetzten Beatty an:

(…) Da hast du’s, Montag. Es kam nicht von oben, von der Obrigkeit. Es fing nicht mit Verordnungen und Zensur an, nein! Technik, Massenkultur und Minderheitendruck brachten es gottlob ganz von allein fertig. (…)

Die Menschen haben sich also freiwillig und unbewusst in die konformistische Gesellschaft von Fahrenheit 451 begeben. Dabei wurden sie von den drei Faktoren Technik, Massenkultur und Minderheitendruck geleitet. Diese Faktoren spielen auch in unserer heutigen Gesellschaft eine sehr wichtige Rolle und entwickelten sich rasant nach dem Ende des 2. Weltkrieges. Die Technik des Fernsehens revolutionierte die Medienwelt und ermöglichte erst die Entstehung einer Massenkultur. Der Minderheitendruck erhielt durch den Holocaust, wie heute immer noch stark zu spüren ist, eine neue Bedeutung und wurde sensibilisiert.

Erschreckt stellt man dann fest, dass in Fahrenheit 451, genau diese nach dem Krieg hoffnungsvoll neu gewonnen Werte und moralischen Ansichten über Gleichheit, Gemeinschaft und Multikulturalität in übersteigerter Form erneut zu einem System ähnlich dem Dritten Reich führten. Aus Gleichheit wurde eine Presse der Monotonie:

(…) Wir müssen alle gleich sein. Nicht frei und gleich geboren, wie es in der Verfassung heisst, sondern gleich gemacht. Jeder ein Abklatsch des andern, dann sind alle glücklich, dann gibt es nichts Überragendes mehr, (…)

Wer sich nicht in diese Form pressen liess und sich Gedanken machte, Fragen stellte oder gar Bücher lass, wurde vom Staat verfolgt und in Irrenanstalten “begraben” oder samt seinen Büchern verbrannt. Der Macht der Massenkultur bedient sich nicht mehr nur die verkaufswillige Industrie sondern auch der Staat.

Anders gesagt, das in Fahrenheit 451 herrschende System ist eine Mischung aus den verschiedensten Gesellschaftsmodellen. Da ist auf der einen Seite eine von Materialismus und Vergnügungssucht getriebene Gesellschaft die sicher dem Kapitalismus gerecht würde. Andererseits erinnert der übertriebene Drang nach Gleichheit eher an Kommunismus, während der mit Zensur und Gleichschaltung regierende Staat eher dem Bild der Diktatur entspricht.

Wenn jetzt, so wie es den Anschein hat, ein neues Gesellschaftsmodell durch die Kombination von Strukturen aus den verschiedensten bereits bestehenden Modellen aufgebaut wurde, wieso wählten die Menschen gerade immer die negativen Seiten des betreffenden Systems? Vielleicht kommen hier nun die, durch den Verlust der Literatur auftretenden Auswirkungen zum tragen:

Die ersten Menschen vermehrten ihr Wissen, durch das Ertasten von Dingen und durch das Sammeln von Erfahrungen. Ihr handeln war oft intuitiv. Mit der Entwicklung der Sprache konnte schliesslich das Wissen geteilt und an weitere Generationen weitergegeben werden.

Allerdings ermöglichte erst die Schrift eine unverfälschte Weitergabe über grössere Zeitspannen. Es entstand ein Medium mit völlig neuen Eigenschaften. Bücher bewegen sich nicht auf der gleichen Ebene wie die Realität. Man kann ein Buch ruhig schliessen und eine Nacht darüber schlafen, bevor man aus dem Gelesenen Schlüsse zieht oder Entscheidungen trifft. Bücher sind in gewisser Weise abstrakt. Um den Sinn des geschriebenen Wortes zu verstehen, erfordert es daher Vorstellungskraft. Dadurch erhält man einen freieren Spielraum bei der Interpretation, da nicht jedes kleinste Detail, wie in anderen Medien durch Gesten, Mimik, Bilder oder Geräusche, dem Leser aufgezwungen wird.

Beim Lesen steht man also über den Dingen in einer Art Beobachterrolle und läuft dadurch weniger Gefahr von den Ereignissen mitgerissen zu werden. Die elektronischen Massenmedien lösten sich, unter der Verwendung bewegter Bilder und Ton, von der Abstraktheit des Buches und entwickelten sich wieder in Richtung der Realität, des Begreifens. Im Roman fand diese Entwicklung die Krönung in den so genannten Fernsehzimmern. Das sind Räume in denen riesige Bildschirme die Wände bedeckten, wodurch eine Umwelt so wirklich wie die Welt selbst geschaffen wurde. Man stelle sich die Macht vor, die ein solches Zimmer auf die Menschen auszuüben vermag, wenn bereits heute Menschen durch übermässigen Konsum von Fernsehprogrammen oder Computerspielen die Fähigkeit zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden verlieren.

Die Leute verfielen also immer mehr den leichter konsumierbaren Medien, wie Radio, Film oder Fernsehen. Dabei gaben sie Schritt für Schritt ihre Beobachterrolle auf, bis sie im Strom der Ereignisse mitgerissen wurden.

Indem die Menschen sich die “Verunsicherung” des Nachdenkens und Lernens ersparten und dem Absolutismus der Bilder, der Scheinrealität erlagen, wurden Sie manipulierbar und machten einen weiteren Schritt hin zur konformistischen Gesellschaft. Wie bequem für den diktatorischen Staat! Die Bevölkerung konnte so zentral gesteuert und gleichgeschaltet werden und die wenigen, die sich noch widersetzten, konnten mit Hilfe öffentlicher Dienste wie Feuerwehr und Polizei beseitigt werden.

Da sich das System schleichend und gewaltlos entwickelte, musste nicht wie im Dritten Reich eine Einschüchterungspolitik betrieben oder Spezialorganisationen wie die SS eingesetzt werden, um die Ziele des Staates gewaltsam zu erreichen. Das Propagandaministerium des dritten Reiches erreichte nie einen vergleichbaren Einfluss durch die Gleichschaltung der Medien, da diese noch nicht weit genug entwickelt und ihnen die Leute noch nicht bedingungslos verfallen waren. Diktatorische Systeme können also nicht nur aus menschlicher Not wie Armut und Arbeitslosigkeit entstehen, sondern auch wenn die Menschen einer Gesellschaft in der Gleichgültigkeit von Massenkulturen versinken.

Nach jeder Katastrophe rappelte sich die Menschheit wieder auf und packte ihr Leben anders an, in der Überzeugung, dass alles besser werde. Vielleicht liegt gerade hier der Grund, dass wir Menschen nichts aus unserer Geschichte lernen, da wir in unserer Überzeugung ausser Acht lassen, dass wir auf einem anderen Weg zur selben Katastrophe zurückkehren könnten:

(…) Wir wissen alles, was wir seit tausend Jahren an Stumpfsinn angestellt haben, und solange wir das wissen und es uns immer zu Gemüte führen, besteht Hoffnung, dass wir eines Tages doch einmal aufhören, diese verdammten Scheiterhaufen zu errichten und mitten hinein zu springen. Im Laufe der Zeit sind es immer wieder ein paar Leute mehr, die sich erinnern. (…)

1 Kommentar

  1. Gerd Rubenbauer sagt:

    sehr gut

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