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Sep
02

Picknick am Wegesrand

Arkadi und Boris Strugatzki: Picknick am Wegesrand
Shurkamp Verlag Frankfurt, 1981, ISBN 3-518-37170-3

Picknick am Wegesrand

Ein paar Jahre ist es her, als ausserirdische Besucher auf der Erde landeten, ohne jedoch den Kontakt zu den Erdbewohnern zu suchen. Bei ihrer Abreise hinterliessen sie die so genannten Zonen, sechs Gebiete, in denen seltsame Dinge geschehen, merkwürdige Gegenstände und ausserirdische Technologien auftauchen.

Roderic Schuchart arbeitet als Laborant am Internationalen Institut für ausserirdische Kulturen im kanadischen Harmont. Nebenbei betätigt er sich als Schatzgräber und dringt dabei illegal in die Harmounter Zone ein, um ausserirdische Gegenstände zu bergen, die er anschliessend auf dem Schwarzmarkt verkauft.

Eines Tages begeben sich Roderic Schuchart und sein Arbeitskollege Kirill A. Panow in einem offiziellen Auftrag des Instituts in die Zone, um eine Null zu holen. Durch eine Unaufmerksamkeit Schucharts gerät Kirill dabei in eine Art Spinnwebe und stirbt wenig später an einem Herzriss. Daraufhin kündigt Schuchart beim Institut. Fünf Jahre später wird Schuchart beim Gang in die Zone erwischt und kommt ins Gefängnis.

Während der Haft Schucharts hat sich der Vertreter einer Elektrofirma am Harmonter Institut Richard H. Nunnan die Eindämmung der Schatzgräberei zur Aufgabe gemacht. Deshalb sucht er Roderic nach seiner Entlassung zu Hause auf, wo er Schucharts Tochter, genannt das Äffchen, weil sie aufgrund der Zonenbesuche ihres Vaters am ganzen Körper behaart ist, und Schucharts verstorbenen Vater trifft, der durch den Einfluss der Zone wieder zurückgekehrt ist. Roderic Schuchart lässt sich schliesslich vom Schatzgräber Barbridge, der in der Zone seine Beine verloren hat, überreden noch einmal in die Zone zu gehen, um die goldene Kugel zu holen, von der man sagt, dass sie Wünsche erfüllen könne. Schuchart geht zusammen mit Barbridges Sohn in die Zone, um ihn schliesslich in der letzten Falle, dem “Fleischwolf”, zu opfern, damit so der Weg zur goldenen Kugel frei wird.

Interpretation

Die utopische Erzählung “Picknick am Wegesrand” von den russischen Brüdern Boris und Arkadi Strugatzki erschien erstmals im Jahre 1972 unter dem Originaltitel Piknik na Obocine. 1980 drehte der Regisseur Andrej Tarkowski den bekannten sowjetischen Film “Stalker” nach dem Roman “Picknick am Wegesrand”. Die Erzählstruktur scheint in diesem Werk etwas ganz Unkonventionelles zu sein. Es beginnt mit einem Radiointerview mit einem Professor des Internationalen Instituts für ausserirdische Kulturen. Nach dem einleitenden Interview beginnt im zweiten Kapitel Roderic Schuchart als Erzähler in der Ich-Perspektive mit der eigentlichen Handlung. Ab dem dritten Kapitel ändert die Erzählperspektive erneut. Der Ich-Erzähler wird zum unbekannten Erzähler.

Der Stil des Buches hinterlässt einen ganz besonderen Eindruck. Vielleicht liegt es an den Charakteren, die durch die Art wie sie beschrieben werden, wie sie “sprechen” ausserordentlich realitätsnah auf den Leser wirken, oder an der Tatsache, dass man mitten im Geschehen einsteigt und erst nach und nach puzzle-artig erfährt, was geschehen ist oder geschehen sein könnte.

Die wichtigsten Fragen, die die Leser dieser Erzählung bewegen, sind wohl woher die ausserirdischen Besucher kommen und wenn überhaupt welches Ziel sie bei der Errichtung der sechs Zonen verfolgten. Im Buch werden im Gespräch zwischen dem bereits im Einleitungsinterview erschienen Professor Pillman und dem Vertreter Nunnan verschiedene Lösungsansätze für die Fragen vorgestellt:

Pillman versucht sich den Besuch der Ausserirdischen anhand eines Gleichnisses zu erklären. Ihm schwebt dabei eine Art Picknick vor. Die Menschen nehmen dabei die Rollen der Tiere, Vögel und Insekten ein, die voller Furcht das nächtliche Treiben eines irdischen Picknicks beobachten. Wenn die Tiere am nächsten morgen aus den Verstecken kommen finden sie Abfälle, Spuren von Autoreifen, Überreste eines Lagerfeuers, verwelkte Blumen von einer anderen Wiese. So wie für uns eine Null absonderlich erscheinen mag, muss es wohl ein Zigarettenstummel für eine Ameise. Der Professor sieht im Besuch also nichts weiter als ein Picknick am Rande eines kosmischen Weges, wobei die Ausserirdischen die Menschheit nicht bemerkten oder einfach nicht beachteten.

Xenologen hingegen versuchen den Besuch durch für den Menschen schmeichelhaftere Versionen zu begründen:

Einer These zur Folge habe der Besuch noch gar nicht stattgefunden. Stattdessen habe eine unbekannte hoch entwickelte Zivilisation einen Container mit Mustern ihrer Technologie gesandt und erwarte nun, dass die Menschheit diese Muster studiert, dadurch einen technischen Sprung zuwege bringt und den Fremden ein Antwortsignal sendet, um so die Bereitschaft zum Kontakt zu signalisieren.

Wenn man nun einwenden will, dass aufgrund der Ausmasse des Schadens in den Zonen das freundliche Bild vom Picknick am Wegesrand die völlige Gleichgültigkeit der Ausserirdischen gegenüber den “Menschenameisen” voraussetzt, frage ich mich, ob wir denn vernünftiger sind. Wir gehen mit unserer Natur auch nicht gerade vernunftbegabt um, trotz unserer Intelligenz.

So sieht auch Professor Pillman die Grösse des Menschen nicht in Ihrer Sorgfalt und in Ihren Leistungen, wie er im Gespräch mit dem Vertreter Nunnan bekundet:

(…) Sie haben mich irgendwann gefragt, was die Grösse der Menschheit ausmacht. Ist es der Umstand, dass er sich die Natur zu eigen gemacht hat? (…) Dass der in verschwindend kurzer Zeit seinen Heimatplaneten erobert und ein Fenster ins Universum geschlagen hat? Nein, mein Lieber! Nicht das stellt die Grösse dar, sondern die Tatsache, dass er bei alldem mit dem Leben davongekommen ist und die Absicht hat, das auch weiterhin zu tun. (…)

Das Gleichnis des Picknicks zeigt also die Ausserirdischen nicht so, wie wir sie haben wollen, sondern so wie wir selbst in Wirklichkeit sind.

These Nummer zwei, weckt eine gewisse Vertrautheit: Am 3. März 1972 wurde die Raumsonde Pionier 10 ins All geschickt. Auf der Aussenhülle der Sonde befindet sich ein vergoldetes Aluminiumschild wie in Abb.18 dargestellt. Ein erster Kommunikationsversuch. Weitere Sonden starteten, die Tonträger mit Musik und Grussbotschaften in einer Vielzahl verschiedener Sprachen mitführten. Die logische Weiterführung dieser Bemühungen scheint unausweichlich die Versendung von Technologie, von Mustern zur Kontaktaufnahme zu sein.

Plakette von Pionier 10

Eigentlich sollten wir Menschen beim Gedanken eine Kultur mit höher entwickelter Technologie zu versorgen gerade zu erschaudern. Denn der Kolonialismus hat wohl mehr als deutlich gezeigt, dass solche Versuche früher oder später in einer Katastrophe enden. Auch in der Welt Roderic Schuchart zeigten sich erste Anzeichen für eine unerfreuliche Wendung der Dinge. Ich denke dabei an die schweren Unfälle die bei der Untersuchung der unbekannten Technologie geschahen oder der heimliche Schmuggel durch die Schatzgräber, der die Kriegsindustrie mit Gegenständen aus der Zone versorgte. Und wieder sind wir bei unseren eigenen Problemen gelandet. Es scheint so als wäre jede These ein etwas anders gekrümmter Spiegel. Bei näherem Betrachten des verzerrten Bildes, erkennen wir immer wieder unser Ebenbild.

Das liegt wohl daran, dass wir immer den Fehler begehen unsere eigene Vorstellungskraft in die andere Intelligenz hineinzuprojizieren.

Nehmen wir den Kommunikationsversuch von Pionier 10 als Beispiel. Wer sagt uns, dass eine Strichzeichnung von einer anderen Intelligenz überhaupt so verstanden wird, wie wir das erwarten, oder, ob ein erhobener Arm als Gruss interpretiert wird und nicht als Tatsache aufgenommen wird, dass alle Männer einen abgewinkelten Arm besitzen. Bei all diesen Überlegungen wurde noch die Problematik der Grössenverhältnisse ausser Acht gelassen. Vielleicht hat die Platte mit den Abmessungen von 15 x 23 cm die Dimension einer ganzen Stadt oder eines Sandkorns für eine ausserirdische Lebensform. Wir schränken so die Möglichkeit einer Kommunikation stark ein, indem wir dermassen viele Anforderungen zur Entschlüsslung der Botschaft an die anderen stellen.

Nehmen wir einmal, dass wir mit unseren sprachlichen Mitteln gar nicht in der Lage sind eine realistische These zu entwerfen. Die Sprache spielt ja eine ganz Zentrale Rolle, wenn es darum geht, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen. So begreifen asiatische Kulturen, deren Sprache sich vom logischen Aufbau her von unseren westlichen Sprachen unterscheidet, gewisse Dinge anders als wir. So könnten wir eigentlich nur etwas in Worte fassen, wenn wir es zuvor gesehen und vor allem begriffen haben. So lange der Prozess des Verstehens nicht begonnen hat, können wir nur vergleichen und das Unbekannte mit Gleichnissen und Metaphern beschreiben. Pillman spricht von einem Picknick und die Schatzgräber geben den sonderbaren Dingen in der Zone Synonyme wie Hexensülze, Null oder Fleischwolf. Solange wir also etwas verstandesmässig nicht erfasst haben bauen wir unsere Vorstellung auf uns selbst auf, wodurch wir uns zwangsläufig immer in unseren Thesen wieder erkennen werden.

Dieses Dilemma kann aber auch durch die Autoren ausgenutzt werden, um Selbstkritik zu kaschieren. Das Picknick legt dies sehr deutlich dar. Die irdische Problematik der Umweltverschmutzung und der menschlichen Rücksichtslosigkeit wird einfach um eine Stufe gehoben: Die Ausserirdischen übernehmen die Rolle der Menschen während die Menschen die Tiere darstellen. Die Aussage bleibt dieselbe, nur liegt sie nun nicht mehr einfach so offensichtlich an der Oberfläche.

“Picknick am Wegesrand” ähnelt vom Motiv her stark dem Roman “Der Krieg der Welten”. Allerdings bekommt man das Gefühl, dass es den Strugatzkis mehr darum ging anhand der vielen exemplarischen Thesen zu zeigen, wie man die Selbstkritik verpackt, während bei Wells interplanetarischer Invasion die Botschaft der Kritik selbst im Mittelpunkt stand.

1 Kommentar

  1. Queck sagt:

    Bin durch Zufall grad auf deinen Blog geraten.

    Hab von den Strugatzkis auch schon einige Bücher gelesen (“Die Wellen ersticken den Wind”; “Die bewohnte Insel”…).
    Aber das kenn ich noch gar nich; werd wohl bald mal in die örtliche Bibliothek gehen, da bekommt man Unmengen von DDR-Büchern für 50 Cent. ;-)

    Queck

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